Sonntag, 13. April 2014

Frieden und Ruhe am Lagerfeuer




Sanfte Stimme und Morgenröte saßen am Eingang der Höhle und nähten Pelze für einen Mantel zusammen.
„Nicht einmal nähen kannst du. Siehst du nicht, dass du die falschen Seiten zusammennähst? Du musst die Längsseiten nehmen“, herrschte Wolfsjäger seine Frau Sanfte Stimme an. Er hatte sich in der Höhle mit dem Medizinmann unterhalten und wollte gerade ins Freie treten, um nach dem Wetter zu schauen.
„Sanfte Stimme ist die beste Schneiderin des Stammes“, verteidigte Morgenröte ihre Schwägerin. Sie hatte keine Angst vor ihrem Bruder.
„Um so schlimmer, wenn in unserem Stamm keiner anständig nähen kann“, knurrte Wolfsjäger und ging hinaus.
Morgenröte und Sanfte Stimme sahen sich vielsagend an. Sie arbeiteten emsig weiter, um das Tageslicht auszunutzen und beachteten die Männer nicht.
Wolfsjäger schleppte mit ein paar anderen Äste herbei und versuchte vor der Höhle eine Schutzwand zu errichten.
„Sanfte Stimme, ich brauche Hilfe?“ fauchte Wolfsjäger seine Frau an. Die sah erstaunt auf.
„Lass das liegen und komm“, befahl er.
Gehorsam ließ Sanfte Stimme die Pelze fallen und hielt geduldig die Äste, während Wolfsjäger sie zusammenband. Als er damit fertig war, fragte er: „Warum ist das Essen noch nicht fertig?“
„Ich bereite es gleich zu“, entschuldigte sich Sanfte Stimme.
In der Höhle füllte sie Wasser, getrocknetes Gemüse und heiße Steine in einen Fellbeutel, nebenbei mahlte sie auf einem Stein Getreide und backte ein Fladenbrot.
„Sanfte Stimme, deine Tochter verbrennt sich gleich“, informierte Wolfsjäger sie.
„Kannst du nicht Weiße Wolke vom Feuer wegziehen? Sonst brennt dein Brot an“, bat sie.
„Es ist deine Tochter!“ antwortete Wolfsjäger.
Schnell eilte Sanfte Stimme um das Feuer und zerrte ihre Tochter von der Gefahr weg.

„Wolfsjäger, ist dir schon aufgefallen, wie klein dein Sohn ist? Der Sohn des Medizinmannes ist viel größer. Das Essen stärkt nicht genug. Er braucht frisches Fleisch“, lenkte Morgenröte ab.
Wolfsjäger schaute zu seinem Sohn.
„Der wächst noch. Aber Fleisch schadet nicht. Ich sollte mal wieder auf die Jagd gehen“, überlegte Wolfsjäger.

Am nächsten Tag zogen die Männer schon früh mit Vorräten bepackt los. Die Frauen schauten ihnen lange vom Höhleneingang aus hinterher.
„Das hast du geschickt gemacht. Jetzt haben wir endlich wieder unsere Ruhe“, lobte Sanfte Stimme ihre Schwägerin.

©Annette Paul

Samstag, 8. März 2014

Das brave Mädchen



Als kleines Mädchen sagte ihre Mutter immer zu ihr: „Sei lieb!“, ihr Vater: „Sei nicht so vorlaut!“ und ihre Großmutter: „So kriegst du nie einen Mann.“
Klein, häßlich, geduckt erschien sie sich selbst. Nie fand sie Gnade vor ihren eigenen Augen.
Auf Wunsch der Mutter wurde sie Verkäuferin. Ihr Chef und ihre Kolleginnen stießen sie herum und nörgelten, nie konnte sie es ihnen recht machen. Dabei übernahm sie freiwillig die widerlichsten Arbeiten, die kein anderer erledigen wollte.
Ihrem Mann war sie dankbar, weil er sie trotzdem heiratete und somit erlöste. Wenigstens blieb sie nicht alleine.
Ihre Kinder, kleine selbstbewußte Jungen, die alles forderten, aber keine Pflichten kannten, tyrannisierten sie. Ohne Dank verließen die beiden nach achtundzwanzig Jahren das Haus, um Karriere zu machen und ihre eigenen Ehefrauen herumzukommandieren.
Ihr Mann meinte, länger hielte er es mit ihr, so dumm, hausbacken und alt wie sie sei, nicht mehr aus. Im Übrigen hätte er mit einer anderen zwei Kinder.
Allein zurückgelassen schluckte sie eine Handvoll Schlaftabletten, die ihr Mann vergessen hatte. Daraufhin spuckte sie erbärmlich, schlief vierundzwanzig Stunden durch und erwachte wie neugeboren.
Es war Zeit, ihr Leben zu ordnen. Sie ging zum Frisör, kaufte hübsche Kleider und verkaufte das alte Haus ihrer Großmutter. Dann begab sie sich auf eine Reise durch Lateinamerika. Dort ärgerte sie sich mit Reiseveranstaltern und Taschendieben herum. Wutentbrannt schlug sie einem Dieb mit ihrer Umhängetasche k.o. Verblüfft über diesen Erfolg wurde sie selbstbewußter. Als ihr Geld verbraucht war, ließ sie sich in einem Restaurant als Küchenhilfe einstellen. Kurze Zeit später erschien der Koch nach einer durchzechten Nacht nicht, und sie übernahm die Küche. Zwei Jahre später hatte sie soviel zusammengespart, um ein heruntergekommenes Gasthaus zu kaufen. Sie renovierte es und bekochte fortan Touristen.
Inzwischen ist sie siebzig Jahre alt, besitzt eine Hotelanlage, mehrere Feinschmeckerrestaurants und einen Partyservice. Sie ist nicht mehr lieb, sondern knallhart und vorlaut.
Wenn man sie fragt, wie alt sie ist, antwortet sie: „Fünfundzwanzig Jahre, die Jahre davor zählen nicht, da habe ich nicht gelebt.“

©Annette Paul

Sonntag, 2. März 2014

Es klappt nicht so, wie es soll



Nico schneidet Fenster in die Pappe. Er arbeitet ganz sorgfältig. Seine Laterne soll doch schön aussehen. Bald ist er fertig. Anschließend schneidet er das Transparentpapier zurecht. Irene hat die Stücke mit Bleistift vorgezeichnet. Irene ist seine Erzieherin. Jetzt nimmt Nico den Kleber. Langsam fährt er an der Kante des Fensters entlang. Er ist ganz bei der Sache und bemerkt nicht, dass sein Freund Philipp aufsteht und in die Bauecke geht.
„Gut machst du das", sagt Irene. Sie wendet sich Anna zu und hilft ihr.
Nico nimmt sich ein durchsichtiges Papier. Es klebt an seinen Fingern und ist widerspenstig. Nico zieht es ab und legt es auf das Fenster. Aber jetzt ist das Loch noch zur Hälfte offen. Das Transparent ist zu klein. Nein, es liegt nur nicht genau auf dem Fenster. Also versucht Nico, es wieder herunter zu nehmen. Doch es geht nicht. Das Stückchen Papier klebt schon. Energisch reißt Nico daran. Nun ist es ab, dafür ist es eingerissen. Nico ist wütend. Mit einer Bewegung fegt er alles vom Tisch. Die Laterne, das Papier, die Schere, den Kleber.
„Blöde Laterne, ich bastle nie wieder eine Laterne", schreit er.
Erschrocken schauen Lea und Anna hoch.
„Heb das bitte auf, ich helfe dir gleich", sagt Irene ruhig und arbeitet mit Anna weiter.
Nico stampft mit dem Fuß auf. „Nein", schreit er.
Lea steht auf, kniet sich hin und sammelt die Sachen auf.
Nico schaut einen Augenblick zu, dann macht er mit. Schnell heben sie alles auf.
Lea streicht die zerknickte Laterne glatt.
„Na, was war los?" fragt Irene.
„Die Fenster passen nicht", jammert Nico.
Lea sucht Nicos Transparentstückchen.
„Die sind doch tadellos", sagt Irene und hält sie über die Fenster. „Wasch dir erst einmal die Hände. Dann kannst du besser weitermachen.“
Als Nico vom Waschbecken zurückkommt, hilft ihm Lea. Sie reicht ihm die Transparente. Und Nico hält sie prüfend über seine Fenster, bevor er sie aufklebt. Irene schneidet ihm ein neues Stück zurecht, auch das passt. Jetzt versteht Nico gar nicht mehr, warum es vorhin nicht klappte. Stolz hält er seine Laterne hoch.

 ©Annette Paul


 "Es klappt nicht so, wie es soll" ist eine Leseprobe aus "Eine bunte Mischung Geschichten für Kinder 3" der Autorengruppe "WortWerk", erhältlich bei Amazon
 Der Erlös des Buchs geht an den Verein "nestwärme".

Sonntag, 9. Februar 2014

Treue Elfe




Die kleinen Elfen spielten, sangen und tanzten übermütig herum. Eine besonders vorwitzige Elfe versteckte sich in einer Rosenblüte. Aber, oh weh, die Rose schloss sie ein. Sie bat, flehte und weinte. Es half nichts. Sie blieb gefangen. Fortan hörte sie voller Trauer ihre Freunde, doch sie konnte nicht mehr mitmachen.
Eines Tages schnitt eine Frau die Rose ab, trug sie ins Haus und stellte sie in eine Vase. Die Rose öffnete ihre Blüte weit und duftete betörend. Mit einem Freudenschrei sprang das Elfchen hinaus, drehte eine Pirouette und walzte herum. Dann flog sie zum offenen Fenster und rief: „Komm mit, du dumme Rose."
„Ich kann nicht."
Das Elfchen zögerte, schaute auf den gesenkten Kopf der Blume und kehrte um. Neugierig streife es durchs Zimmer, sang und tanzte es vor Lebensfreude. Am späten Abend legte es sich in der Rosenblüte schlafen.
Als die Rose Blütenblätter verlor, warf die Frau sie auf den Kompost. Sie lag zwischen Kartoffelschalen und Rasenschnitt. Ihre roten Blütenblätter verteilten sich um sie herum. In der Nacht stürmte es und wehte sie hinab auf den Erdboden. Die kleine Elfe spielte tagsüber wieder mit ihren Freunden. Nachts schlief sie bei ihrer Rose. Diese kümmerte immer mehr dahin. Alles gute Zureden der Elfe half nichts. Die grünen Blätter welkten, der Stängel wurde schlaff. Doch eines Tages schlugen neue zarte Blätter aus. Die Elfe behütete sie und brachte an heißen Tagen Wasser. Im folgenden Jahr war aus dem einen Zweig ein neuer Rosenstock gewachsen. Nie wieder nahm die Rose eine Elfe gefangen.

©Annette Paul

Sonntag, 26. Januar 2014

Wer ist ein Angsthase?



Mario, Mark und Sascha spielen im Park. Gleich nebenan ist ihr alter Kindergarten. Bis zum Herbst haben sie ihn noch besucht, aber jetzt sind sie groß und gehen zur Schule.
„Seht doch, der Teich ist schon zugefroren“, ruft Mark.
Spiegelglatt ist das Eis. Ein paar Enten rutschen über die Oberfläche, als sie landen. Sascha hackt mit seinem Absatz ein Loch in den Rand und bricht ein Stück heraus. Es ist klar wie Glas. Das Eis wirft er auf den Teich. Es schlittert fast bis auf die gegenüberliegende Seite. Mark und Mario machen es ihm nach. Bald ist der ganze Teich mit Eissplittern übersät.
„Ich gehe aufs Eis“, ruft Mario und geht mutig voran.
Sascha folgt ihm. Nur Mark bleibt ängstlich am Rande stehen. Seine Mutter hat ihm verboten, schon auf das Eis zu gehen.
„Komm doch“, fordert Mario ihn auf. Aber Mark schüttelt den Kopf.
„Das Eis ist zu dünn“, sagt er.
„Das Eis hält“, erklärt Mario.
Aber Mark bleibt am Ufer.
„Feigling, Feigling“, ruft Mario und Sascha fällt mit ein.
Mark zögert, dann läuft er zu. Einen Feigling will er sich nicht nennen lassen. Das Eis knarrt zwar, aber Mario und Sascha trägt es doch auch.
„Kommt hierher, hier ist ein Fisch“, ruft Mario und starrt auf das Eis.
Saschas große Schwester Mariam kommt dazu.
„Geht vom Teich runter, das Eis ist noch nicht fest“, schreit sie.
„Du hast aber eine doofe Schwester, die ist ein Spaßverderber“, sagt Mario. Dann ruft er: „Angsthase, Angsthase!“
„Sascha, komm sofort, sonst sag ich es Mutter“, ruft Mariam und winkt Sascha heran.
„Petze, Petze“, schreit Mario. Aus Trotz geht er noch weiter hinaus.
Sascha kehrt zögernd um. Mark folgt ihm, dabei rutscht er aus und fällt hin. Das Eis bricht und Mark fällt ins Wasser. Laut schreit er um Hilfe und hält sich am Rande des Eises fest.
Schnell läuft Mario ans Ufer.
„Du musst ihn herausziehen. Du hast gesagt, das Eis hält“, sagt Sascha.
„Geh doch selber. Ich gehe da nicht rauf. Ich kann doch nicht schwimmen“, antwortet Mario.
„Gebt eure Schals“, befiehlt Mariam und knotet sie zusammen. Dann rennt sie um den Teich. Von der anderen Seite ist das Loch dichter am Ufer. Vorsichtig betritt Mariam das Eis und legt sich hin, langsam schiebt sie sich vorwärts. Als sie dicht am Loch ist, wirft sie das selbstgemachte Seil.
Mark bekommt es zu fassen.
„Halte dich fest, ich ziehe dich heraus“, sagt sie und schiebt sich vorsichtig rückwärts.
Tatsächlich schafft sie es, Mark aus dem Wasser zu ziehen.
„Lass uns zum Kindergarten gehen, dort ist es warm, und es gibt trockene Sachen“, sagt sie zu Mark, sobald sie am Ufer sind.
Und als sie an Mario vorbeikommen, fragt sie: „Wer ist der Angsthase?“