Sonntag, 21. September 2014

Die Puppe Barbarella



Marie geht mit Mama in ein Kaufhaus. Mama hat ganz viele Dinge auf ihrem Zettel, die sie einkaufen muss. Marie bleibt beim Spielzeug stehen und schaut einer Eisenbahn zu. Die Lokomotive fährt im Kreis, erst durch einen Tunnel und dann an einem Bahnhof vorbei. Ganz lange steht Marie da.
Wo ist Mama? Erschrocken schaut Marie nach rechts und links. Aber Mama ist nirgends. Marie läuft an den Regalen entlang. In jeden Gang sucht sie. Sie ist schon ganz verzweifelt. Wie soll sie Mama wiederfinden? Dicke Tränen rollen über ihre Wangen.
„Weine nicht. Ich bringe dir deine Mama herbei, wenn du mir hilfst", sagt eine Stimme.
Marie blickt hoch. Sie dreht sich um sich selbst. Da ist niemand.
„Hier im Regal", sagt die Stimme.
Vor ihr liegen ganz viele kleine Puppen. Eine Puppe trägt ein glänzenden blauen Umhang und einen hellblauen Schleier im Haar. Mit dem Stab in ihrer Hand winkt sie Marie zu. „Du musst uns helfen", sagt die Fee.
„Ich bin viel zu klein", antwortet Marie.
Die Fee schwebt zu Marie, setzt sich auf ihre Schulter und streichelt sie.
„Doch, du kannst uns helfen. Nur du. Schau, die Erwachsenen und auch die anderen Kinder können uns nicht hören."
„Und was soll ich machen?" Marie glaubt nicht, dass sie helfen kann.
„Meine Kameraden sind verzaubert. Sie können sich nicht mehr bewegen. Du musst den Hampelmann bei der Hexe befreien", erklärt die Fee.
Marie trägt die Fee auf ihrer Hand und läuft weiter, vorbei an den Spieluhren. Eine Uhr spielt „Kommt ein Vogel geflogen". Marie singt mit und tanzt dazu.
„Die Kleine ist aber niedlich", sagt eine ältere Dame zu einer Verkäuferin. Die Verkäuferin beugt sich zu Marie hinunter und fragt: „Bist du alleine hier?"
„Ich habe meine Mama verloren." Marie schluckt wieder.
Die Verkäuferin bringt Marie zur Kasse. Da steht eine große Frau mit roten Haaren und goldenen Ringen in den Ohren. Sie schaut Marie böse an.
„Geklaut wird hier nicht."
„Ich habe nicht geklaut." Marie kommen die Tränen. Die Puppe hält sie ganz fest in ihrer Hand.
„Sie ist verlorengegangen", sagt die Verkäuferin.
„Gib die Puppe her."
Marie legt die Fee auf den Verkaufstisch.
„Wie heißt du?", fragt die Rothaarige.
„Marie."
„Und weiter?"
„Marie."
Hinter der Kasse steht ein Papierkorb. Der Deckel ist nicht richtig zu und Marie sieht durch einen Spalt einen Hampelmann im Papierkorb liegen.
„Du hast doch einen Nachnamen", herrscht die Hexe sie an.
Marie fängt an zu weinen. Sie schluchzt ganz laut. Kann ihr die Fee nicht helfen? Aber die Puppe liegt starr auf dem Tisch.
„Lassen Sie das Kind in Ruhe", schimpft die ältere Dame.
Marie zeigt auf den Papierkorb.
„Ich will den Hampelmann." Ganz leise flüstert sie es. Aber die Rothaarige versteht es trotzdem.
„Erst klaust du die Puppe und dann ..." Die Hexe bekommt ein rotes Gesicht. Es ist fast so rot wie ihre Haare.
„Bitte, Frau Brocken, der Hampelmann ist doch kaputt. Er ist nur noch Müll."
„Die Puppe bezahle ich." Die ältere Dame legt einen Geldschein auf den Verkaufstresen. „Und jetzt lassen Sie endlich die Mutter ausrufen."
Die Verkäuferin telefoniert. Anschließend bückt sie sich und holt den Hampelmann aus dem Mülleimer.
„Da!" Sie reicht ihn Marie.
Die Hexe sagt nichts mehr.
„Deine Mama kommt gleich“, fügt die Verkäuferin hinzu, bevor sie zu einem Kunden eilt . Hinter ihr fängt das Spielzeug an zu reden und zu lachen. Eine Puppe steht auf und tanzt mit dem Teddybären. Der Clown schlägt Purzelbäume und die Autos veranstalten ein Wettrennen.
„Ich habe doch gesagt, du kannst uns helfen", sagt die Fee und zwinkert Marie zu.
„Du warst sehr tapfer", sagt der Hampelmann und hebt Arme und Beine hoch.
„Sprecht ihr weiterhin mit mir?", fragt Marie.
„Solange du uns brauchst, ja. Aber nur, wenn wir alleine sind", sagt die Fee und schwingt ihren Zauberstab.
Neben der Rolltreppe funkeln bunte Sterne und als sie verblassen, steht Mama da.
„Marie, ich habe dich schon überall gesucht", sagt Mama und nimmt Marie in ihre Arme.

Sonntag, 3. August 2014

Selbst Schuld




„Heike, ich habe Hermann und Norbert für heute Abend eingeladen, du kannst doch eine Kleinigkeit machen“, sagte Peter und umarmte seine Frau.
„Wo soll ich so schnell etwas herbekommen? Zeit zum Einkaufen habe ich nicht mehr“, meinte Heike verärgert.
„Das ist doch kein Staatsempfang. Du findest schon etwas im Gefrierschrank“, erklärte Peter zuversichtlich und verschwand.
Heike machte sich auf die Suche. Natürlich hatte sie nicht genug Aufschnitt, also musste sie kochen. Aber auch der Gefrierschrank sah ziemlich leer aus. Deshalb musste sie improvisieren. Chinesisches Essen, Reis hatte sie, die drei Schnitzel würde sie klein schneiden, hoffentlich reichte das Gemüse.
Hektisch arbeitete sie. Könnte Peter nicht wenigstens aufräumen? Die Kinder hatten mit Freunden gespielt, jetzt kämpften auf dem Teppich im Wohnzimmer Legokrieger, dazwischen lagen Autos und Spielsteine. Auf dem Tisch häuften sich Papierschnipsel, Stifte, Kleber und nasse Kunstwerke.
„Peter, Peter, hilf mir“, rief Heike.
Nichts. Sie lief ins Schlafzimmer. Peter lag im Bett.
„Räum bitte das Wohnzimmer auf, bevor dein Chef kommt“, sagte sie und hetzte zur Küche zurück. Geschirrspüler ausräumen, Tisch decken.
Das Wohnzimmer war immer noch unaufgeräumt. Das Wasser in der Dusche lief. Hastig klaubte Heike das Spielzeug zusammen. Brote streichen, Kinder ins Bett scheuchen, selbst duschen.
Heike stand nackt im Schlafzimmer als die Glocke ging. Sie hörte Peter charmant plaudern, er bot Sherry an, frohgemut und ausgeruht.


©Annette Paul

Sonntag, 20. Juli 2014

Vierzig Ehejahre

Seit Heinz nach Hause gekommen war, redete Gerda. Sie redete, während er den Mantel ordentlich auf den Bügel hängte und sich die Schuhe auszog. Sie redete, als sie Schnitzel mit Kartoffelsalat aßen und später während der Tagesschau.
Seit vierzig Jahren redete Gerda. Heinz hatte das Sprechen inzwischen fast verlernt.
Nach den Nachrichten sah Heinz das Fußballländerspiel. Gerda holte ihm Bier und Nüsse.
„Stell dir vor, Bauers Sybille bekommt ein Kind von einem Fremden. Ihr Mann lässt sich scheiden ...“
Da, ein Tor! Was sagte der Kommentator? Heinz stellte mit der Fernbedienung den Ton lauter.
Jetzt redete auch Gerda lauter.
„Sei endlich einmal still“, schrie Heinz.
Einen Augenblick schwieg Gerda verblüfft.
„Aber das ist doch so schrecklich für Hilde.“
Wortlos griff Heinz nach der Bierflasche und zertrümmerte sie auf Gerdas Kopf.
Sofort breitete sich eine wohltuende Ruhe aus. Nur der Kommentator sprach weiter. Endlich konnte Heinz ihn verstehen.

©Annette Paul

Sonntag, 22. Juni 2014

Urlaub in der Heimat



Nach langer Fahrt streckte sich Gerda. Das Dorf lag schön herausgeputzt vor ihr. Extra für die Touristen hatte es am Wettbewerb „Mein Dorf soll schöner werden“ teilgenommen.  Früher reichte die idyllische Lage am Waldrand in Seenähe schon aus, um die Feriengäste anzulocken. Doch heute konkurrierte es hoffnungslos gegen die Malediven und Seychellen.
Das alte reetgedeckte Fachwerkhaus mit den Geranien vor den Fenstern erinnerte Gerda an die Kate ihrer Großmutter.  Klein, alt und ziemlich verkommen. Aber blitzsauber und immer mit reichlichen Blumenschmuck. Der Garten war ein wahres Blütenmeer. So mancher Besucher blieb bewundernd vor dem üppigen Staudengarten stehen. Sämtliche Ferien hatte sie dort verbracht. Enttäuscht, weil es wieder nur aufs Dorf ging, statt nach Spanien oder Italien, wie bei ihren Freundinnen.
Gerda schloss ihr Auto ab und trat an das Bauernhaus heran. Sie lächelte. Ihre Ferien auf dem Land waren beim Toben in Scheunen, Klettern auf Bäumen und Baden im Bach mit den Nachbarkindern sicher spannender gewesen, als in einem Hochhaus mit überfülltem Strand. Das hatte sie inzwischen kennengelernt. Jetzt konnte sie das Dorfleben wieder richtig genießen.


©Annette Paul

Sonntag, 13. April 2014

Frieden und Ruhe am Lagerfeuer




Sanfte Stimme und Morgenröte saßen am Eingang der Höhle und nähten Pelze für einen Mantel zusammen.
„Nicht einmal nähen kannst du. Siehst du nicht, dass du die falschen Seiten zusammennähst? Du musst die Längsseiten nehmen“, herrschte Wolfsjäger seine Frau Sanfte Stimme an. Er hatte sich in der Höhle mit dem Medizinmann unterhalten und wollte gerade ins Freie treten, um nach dem Wetter zu schauen.
„Sanfte Stimme ist die beste Schneiderin des Stammes“, verteidigte Morgenröte ihre Schwägerin. Sie hatte keine Angst vor ihrem Bruder.
„Um so schlimmer, wenn in unserem Stamm keiner anständig nähen kann“, knurrte Wolfsjäger und ging hinaus.
Morgenröte und Sanfte Stimme sahen sich vielsagend an. Sie arbeiteten emsig weiter, um das Tageslicht auszunutzen und beachteten die Männer nicht.
Wolfsjäger schleppte mit ein paar anderen Äste herbei und versuchte vor der Höhle eine Schutzwand zu errichten.
„Sanfte Stimme, ich brauche Hilfe?“ fauchte Wolfsjäger seine Frau an. Die sah erstaunt auf.
„Lass das liegen und komm“, befahl er.
Gehorsam ließ Sanfte Stimme die Pelze fallen und hielt geduldig die Äste, während Wolfsjäger sie zusammenband. Als er damit fertig war, fragte er: „Warum ist das Essen noch nicht fertig?“
„Ich bereite es gleich zu“, entschuldigte sich Sanfte Stimme.
In der Höhle füllte sie Wasser, getrocknetes Gemüse und heiße Steine in einen Fellbeutel, nebenbei mahlte sie auf einem Stein Getreide und backte ein Fladenbrot.
„Sanfte Stimme, deine Tochter verbrennt sich gleich“, informierte Wolfsjäger sie.
„Kannst du nicht Weiße Wolke vom Feuer wegziehen? Sonst brennt dein Brot an“, bat sie.
„Es ist deine Tochter!“ antwortete Wolfsjäger.
Schnell eilte Sanfte Stimme um das Feuer und zerrte ihre Tochter von der Gefahr weg.

„Wolfsjäger, ist dir schon aufgefallen, wie klein dein Sohn ist? Der Sohn des Medizinmannes ist viel größer. Das Essen stärkt nicht genug. Er braucht frisches Fleisch“, lenkte Morgenröte ab.
Wolfsjäger schaute zu seinem Sohn.
„Der wächst noch. Aber Fleisch schadet nicht. Ich sollte mal wieder auf die Jagd gehen“, überlegte Wolfsjäger.

Am nächsten Tag zogen die Männer schon früh mit Vorräten bepackt los. Die Frauen schauten ihnen lange vom Höhleneingang aus hinterher.
„Das hast du geschickt gemacht. Jetzt haben wir endlich wieder unsere Ruhe“, lobte Sanfte Stimme ihre Schwägerin.

©Annette Paul